Das Pussylux

English version below

Der heilige Grahl im Leica-M-Universum ist wohl das 50mm Noctilux. Diese Linse begeistert FotografenInnen seit über 50 Jahren. Viele damit gemachte Bilder haben etwas Traumhaftes an sich. Das hat eine Reihe von guten Gründen. Allen voran die enorme Lichtstärke, die eine extrem geringe Schärfenausdehnung erzeugt. Der dreamy Bildeindruck wird unterstützt durch eine harmonische Hintergrundunschärfe.

Das aktuelle Leica Produkt hat eine maximale Blendenöffnung von f/0.95. Mit diesen Daten kommt man bei 3m Aufnahmeabstand zu einer 2m großen Person im Hochformat (mit Luft zum Bildrand) auf eine Schärfentiefeausdehnung von 20cm. Davor und dahinter beginnt schon die Unschärfe ein Bokeh zu erzeugen. Also kann ein stehender Mensch vollständig abgebildet und gleichzeitig vom Hintergrund isoliert werden. Dabei lässt der diagonale Bildwinkel von ca. 46° noch eine Menge Kontext aus der Umgebung zu. Wie im Traum wird der Protagonist losgelöst von seiner Welt abgebildet. Diese Welt bleibt aber noch erkennbar oder besser erahnbar.

50mm f/0.95

Versucht man das Gleiche mit einem 85mm f/1.4, also dem Standard-Bokeh-Pinsel aus der Fotowerkzeugtasche würde man vielleicht enttäuscht. Denn der gleiche Mensch müsste aus etwa 5,10 m fotografiert werden. Die Schärfezone wäre dabei 30cm lang (+50% mehr) und der Bildwinkel würde mit ca. 27° nur noch etwa 37% des Kontext stiftenden Hintergrundes zeigen. Ich habe Noctilux-Bilder schon in den analogen Filmzeiten faszinierend gefunden.

85mm f/1.4

Übrigens: Eine starke Hintergrundunschärfe bei vergleichsweise großem Bildwinkel kann auch auf andere Weise erzeugt werden. Stichworte dazu: Brenizer, oder Mittelformat bzw. Großformat oder Tiltobjektive.

Leica ist als Hersteller besonders wertvoller und auch werthaltiger Objektive gut bekannt. Für den Preis eines aktuellen 50mm Noctiluxes gibt es aber bei dem Automobilhersteller Dacia auch einen Neuwagen. Das ist für viele eingefleischte Fans dieser Marke etwas viel. Als der chinesische Hersteller TT Artisans ein preisgünstiges Objektiv mit den gleichen Spezifikationen für das Leica-M System ankündigte, war meine Neugierde darauf natürlich geweckt.

Um eine Eins-zu-Eins-Kopie des Noctiluxes handelt es sich indes nicht. Die Linsenkonfigurationen unterscheiden sich deutlich voneinander. Dabei kommt durchaus aktuelle Technik zum Einsatz. TT Artisans verwendet asphärisch geformte Linsenelemente und teilweise Gläser mit extrem niedrigen Dispersionskoeffizienten. Das Leica Original verfügt zusätzlich über s.g. Floating Elements, eine zusätzliche Mechanik, die das Fokussieren im Nahbereich optimiert. Beim TT Artisans kann ich keinen Hinweis auf etwas Vergleichbares finden und tatsächlich sind meine Bilder im Nahbereich nicht ganz so knackig. Das stört mich nicht sehr, denn für formatfüllende Headshots verwende ich andere Objektive.

Insgesamt sind die gewonnen Bilder hinsichtlich Kontrast und Schärfe nicht ganz auf dem Highendniveau der aktuellen Modelle. Aber das ist für mich auch nicht entscheidend. Viel wichtiger finde ich diesen außergewöhnlichen Look der Bilder. Dieses Traumhafte, welches die Resultate so unverwechselbar macht. Je intensiver der Hintergrund verschwommen ist, desto stärker wirkt das fokussierte Objekt. Der Effekt ist kaum davon abhängig, wie viele Linienpaare pro Millimeter das System auflösen kann.

Long Story, Short: mein neues „Immerdrauf“ Zumindest auf der SL mit Focus Peaking. Der Name TT Artisans 50mm 0.95 ist sperrig. Ich nenne es Pussylux.

Die Modelle:

Maria Hennig, Maria Kn, Eva, Steffi, Alina Madeleine

Englisch version

The holy grail in the Leica M universe is probably the 50mm Noctilux. This lens has been inspiring photographers for over 50 years. Many images taken with it have something dreamlike about them. There are a number of good reasons for this. First and foremost, the enormous light intensity, which produces extremely low sharpness expansion. The dreamy image impression is supported by a harmonious background blur.

The current Leica product has a maximum aperture of f/0.95. With this data, you get a depth of field extension of 20cm at a shooting distance of 3m to a 2m tall person in portrait format (with air to the image edge). In front and behind the blur already starts to create a bokeh. So a standing person can be completely imaged and at the same time isolated from the background. At the same time, the diagonal image angle of about 46° still allows for a lot of context from the surroundings. As in a dream, the protagonist is depicted detached from his world. This world, however, still remains recognizable or, better, guessable.

Trying the same thing with an 85mm f/1.4, i.e. the standard bokeh brush from the photo tool bag would perhaps disappoint you. Because the same person would have to be photographed from about 5.10m. The focus zone would be 30cm long (+50% more) and the angle of view would be about 27°, showing only about 37% of the contextual background. I have found Noctilux images fascinating already in the analog film days.

By the way: a strong background blur with a comparatively large angle of view can also be created in other ways. Keywords for this: Brenizer, or medium format or large format or tilt lenses.

Leica is well known as a manufacturer of particularly valuable lenses. However, for the price of a current 50mm Noctilux, you can also get a new car from the car manufacturer Dacia. This is a bit much for many die-hard fans of this brand. When the Chinese manufacturer TT Artisans announced a low-priced lens with the same specifications for the Leica M system, my curiosity was naturally aroused.

However, it is not a one-to-one copy of the Noctilux. The lens configurations are clearly different from each other. The latest technology is used. TT Artisans uses aspherically shaped lens elements and, in some cases, glass with extremely low dispersion coefficients. The Leica Original also has so-called floating elements, an additional mechanism that optimizes focusing at close range. With the TT Artisans, I can’t find any reference to anything comparable, and in fact my close-up images aren’t quite as crisp. This doesn’t bother me much, as I use other lenses for full-frame headshots.

Overall, the images obtained are not quite on the high-end level of the current models in terms of contrast and sharpness. But that is not decisive for me. I find the extraordinary look of the pictures much more important. This dreamlike, which makes the results so distinctive. The more intensely the background is blurred, the stronger the effect of the focused object. The effect is hardly dependent on how many line pairs per millimeter the system can resolve.

Long Story, Short: my new „Immerdrauf“ At least on the SL with Focus Peaking. The name TT Artisans 50mm 0.95 is bulky. I call it Pussylux.